Freitag, 11. November 2016

Mein Kollege Karl

So, wie nicht nur gebildete und ruhige Menschen als Kunden in einer Bibliothek zu finden sind, verhält es sich auch mit einigen Mitarbeitern.
Mein Kollege, ich nenne ihn mal Karl, gehört ebenfalls zu einer besonderen Spezies.

Karl lebt in seiner eigenen kleinen Welt. Tatsächlich könnte man ihn als winzigen Einsiedlerkrebs bezeichnen, der einfach nur vor sich hin existiert.
Hinzu kommt, dass er leicht schwer hörig ist, gerne Tatsachen verdreht und sich ein kleines bisschen zu stark für Verschwörungstheorien o.ä. interessiert.

Neulich hatte ich mal wieder Auskunftsdienst mit ihm. Dass ich manche Dinge dreimal wiederholen muss, bis er mich TATSÄCHLICH verstanden hat (manchmal reagiert er nicht. Und manchmal nickt er nur, ohne mich gehört zu haben - das merkt man vor allem dann, wenn ich auf eine Frage, zu der man nicht mit „Ja“ oder „Nein“ antworten kann, ein Kopfnicken erhalte), daran habe ich mich schon gewöhnt – nur unsere Leser sind regelmäßig verwirrt, wenn sie mit ihm sprechen.

Im erwähnten Auskunftsdienst fing es erst einmal harmlos an. Ein junger Mann wollte an einen Internetplatz und fragte, er ob er sich an eine bestimmte Nummer setzen dürfe, da diese nun einmal frei war. Als er seine Frage gestellt hatte, blickte Karl nicht auf.
Tatsächlich zeigte er keinerlei Reaktion.
(Ich muss hierbei erwähnen: ich schalte manchmal nicht superschnell – und oft bin ich einfach fasziniert von so manchen Situationen, dass ich sie staunend beobachte, statt etwas zu sagen oder zu tun – sorry, not sorry… :D)
Der junge Mann erhob die Stimme und sagte „Hallo? Entschuldigung?“ und da blickte Karl auf, verdutzt darüber, dass plötzlich jemand vor ihm steht. Der Kunde wiederholte sein Anliegen und schon nach zwei Anläufen durfte er auf seinem gewünschten Platz am Computer sitzen.
Karl war gelassen wie immer.

Die Zeit verstrich und so allmählich standen wir uns an der Theke die Beine in den Bauch. Die Ferienzeit hatte begonnen und man spürte in der Bibliothek, dass viele Kunden in den Urlaub gefahren waren.
Karl las in einer Zeitschrift, in der es um Technik und Co. ging und sagte plötzlich zu mir:
Also, ich glaube ja an UFOs.“
Ja?“, fragte ich, ein wenig überrascht über das Thema.
Ja! Es wurden sogar im 2ten Weltkrieg welche gesichtet! Über den Schlachtfeldern.“
Wirklich?“, ich war jetzt nicht mehr interessiert.

(Mal kurz: Ich bin mir sicher, dass es da draußen irgendwo intelligentes Leben gibt. Aber ich bin mir ebenso sicher dass es, wenn es wirklich intelligent ist, niemals versuchen wird, Kontakt mit uns Erdlingen zu knüpfen. Mal ehrlich: Menschen sind bescheuert! Und an Sichtungen, die vor allem aus den USA oder ähnlichen Quellen stammen, glaube ich garantiert nicht. Und hört mir BLOß auf mit Area 51! Was auch immer die da treiben – warum sollten Aliens sich AUSGERECHNET eine Wüste in NEVADA/USA aussuchen?!)

Ja!“, jetzt wurde Karl euphorisch. „Und es gibt Veteranen, die bis heute darunter leiden, dass sie von Laserstrahlen angestrahlt wurden, während des Krieges!“
„… Okay.“
Also ICH glaub daran!“, sagte er stolz grinsend und sah wieder in seine Zeitschrift.
Ich stieß hörbar Luft aus. Da setzte er wieder an:
„Es gibt auch in der amerikanischen Stadt (Welche er genannt hat, hab ich vergessen…) ganze Akten über solche Aufzeichnungen!“
Ja. Die kenn ich!“, sagte ich lächelnd. „Die heißen „Akte X“ und da arbeiten zwei Leute namens Mulder und Scully dran…“
Karl lachte. „Nein, jetzt ehrlich! Da ist alles dokumentiert!“
Jaja…“
Und just in diesem Moment kam eine Kundin an unsere Theke. Eine sehr gesprächige ältere Dame, die, nachdem sie ihr Buch ausgeliehen hatte, unbedingt von ihrer Leidenschaft (Square Dance), erzählen musste.
Hier wurde ich wieder Zeugin von Karls Phänomen: Er hörte kaum zu, las in seiner Zeitung und ich weiß nicht genau welches Stichwort gefallen war, aber er schaltete sich plötzlich ins Gespräch ein. Natürlich vollkommen am Thema vorbei.

Während die Dame also von ihrem Verein in der Stadt XY erzählte, die ja leider so weit von ihrer Heimatstadt entfernt liegt; und während sie bemängelte, dass die Vereine in anderen Städten in der Umgebung aufgelöst wurden, lenkte Karl mit: „Ja… Es gibt heutzutage immer weniger Bibliotheken.“ ein.
Die Frau sah ihn leicht verdutzt an. Öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sie sah so aus, als wüsste sie nicht recht, ob ihr nun ihre Ohren einen Streich gespielt hatten, oder Karl geistig verwirrt war.
Fast unmerklich schüttelte sie den Kopf und fuhr fort: „Es ist jedenfalls ein trauriger Trend, dass es immer weniger Möglichkeiten gibt.“
Karl nickte wissend. „Ja, ist immer eine Frage des Geldes. Den Städten fehlt Geld.“
Nicht nur das!“, sagte die Frau. „Vor allem Personal!“
Ja, das sowieso!“, erwiderte Karl.
Und die beiden führten eine Unterhaltung, vollkommen am Thema des anderen vorbei.
Ich stand in der Mitte und musste mich unheimlich stark darauf konzentrieren, nicht laut loszulachen.
Der Wahnsinn!

Für jemanden, der an der Szene vorbei gelaufen wäre, sähe dieses Gespräch vollkommen normal aus – abgesehen davon, dass ich mir die Hand auf den Mund pressen musste, weil ich dachte, ich müsse explodieren vor Lachen.
Nachdem die Dame sich mit den netten Worten „Sie sollten sich auch mal zum Square Dance anmelden! Zur Zeit beginnen die Anmeldungen für junge Leute!“ von mir verabschiedete, schaltete Karl wieder in den Lese-Modus und ich hatte die Chance, wieder ein wenig durchzuatmen.

Das sind witzige Momente mir Karl.
In wichtigen Situationen kann er aber auch schon mal nerven, mit seinem schlechten Gehör.
Wenn man ihm zum Beispiel wichtige Fragen zu einem Sachverhalt stellt, die er einfach nicht HÖRT oder falsch VERSTEHT, da würde ich gerne regelmäßig „KAUF DIR EIN VERDAMMTES HÖRGERÄT!“ schreien.
Oder wenn er Lästereien aufschnappt und das alles SO verdreht, das man nun nicht mehr weiß, wer wem wann wo und warum irgendwas womit angetan hat… Hilfe.
Das ist nämlich auch noch so ein Punkt:

Karl ist ein Gossip Girl.
Ein schwerhöriges Gossip Girl.
Eine Lästerschwester, die nur die Hälfte der Stories mitbekommt und diese dann auch noch in einen falschen Kontext bringt.
Aber hey, wisst ihr was?
Sieht man von den ganzen nervigen Dingen ab, ist er ein sehr angenehmer Arbeitskollege.
Und das ist es ja, was zählt.

Ich freu mich jedenfalls, wenn ich mal wieder den Auskunftsdienst mit ihm machen darf.
Vielleicht nehm‘ ich mir dann ne Tüte Popcorn mit…

Bis dahin

Schockt die Massen – lest ein Buch!


Eure Sherry