So,
wie nicht nur gebildete und ruhige Menschen als Kunden in einer
Bibliothek zu finden sind, verhält es sich auch mit einigen
Mitarbeitern.
Mein Kollege, ich nenne ihn mal Karl, gehört ebenfalls
zu einer besonderen Spezies.
Karl
lebt in seiner eigenen kleinen Welt. Tatsächlich könnte man ihn als
winzigen Einsiedlerkrebs bezeichnen, der einfach nur vor sich hin
existiert.
Hinzu
kommt, dass er leicht schwer hörig ist, gerne Tatsachen verdreht und
sich ein kleines bisschen zu stark für Verschwörungstheorien o.ä.
interessiert.
Neulich
hatte ich mal wieder Auskunftsdienst mit ihm. Dass ich manche Dinge
dreimal wiederholen muss, bis er mich TATSÄCHLICH verstanden hat
(manchmal reagiert er nicht. Und manchmal nickt er nur, ohne mich
gehört zu haben - das merkt man vor allem dann, wenn ich auf eine
Frage, zu der man nicht mit „Ja“ oder „Nein“ antworten kann,
ein Kopfnicken erhalte), daran habe ich mich schon gewöhnt – nur
unsere Leser sind regelmäßig verwirrt, wenn sie mit ihm sprechen.
Im
erwähnten Auskunftsdienst fing es erst einmal harmlos an. Ein junger
Mann wollte an einen Internetplatz und fragte, er ob er sich an eine
bestimmte Nummer setzen dürfe, da diese nun einmal frei war. Als er
seine Frage gestellt hatte, blickte Karl nicht auf.
Tatsächlich
zeigte er keinerlei Reaktion.
(Ich
muss hierbei erwähnen: ich schalte manchmal nicht superschnell –
und oft bin ich einfach fasziniert von so manchen Situationen, dass
ich sie staunend beobachte, statt etwas zu sagen oder zu tun –
sorry, not sorry… :D)
Der
junge Mann erhob die Stimme und sagte „Hallo? Entschuldigung?“
und da blickte Karl auf, verdutzt darüber, dass plötzlich jemand
vor ihm steht. Der Kunde wiederholte sein Anliegen und schon nach
zwei Anläufen durfte er auf seinem gewünschten Platz am Computer
sitzen.
Karl
war gelassen wie immer.
Die
Zeit verstrich und so allmählich standen wir uns an der Theke die
Beine in den Bauch. Die Ferienzeit hatte begonnen und man spürte in
der Bibliothek, dass viele Kunden in den Urlaub gefahren waren.
Karl
las in einer Zeitschrift, in der es um Technik und Co. ging und sagte
plötzlich zu mir:
„Also,
ich glaube ja an UFOs.“
„Ja?“,
fragte ich, ein wenig überrascht über das Thema.
„Ja!
Es wurden sogar im 2ten Weltkrieg welche gesichtet! Über den
Schlachtfeldern.“
„Wirklich?“,
ich war jetzt nicht mehr interessiert.
(Mal
kurz: Ich bin mir sicher, dass es da draußen irgendwo intelligentes
Leben gibt. Aber ich bin mir ebenso sicher dass es, wenn es wirklich
intelligent ist, niemals versuchen wird, Kontakt mit uns Erdlingen zu
knüpfen. Mal ehrlich: Menschen sind bescheuert! Und an Sichtungen,
die vor allem aus den USA oder ähnlichen Quellen stammen, glaube ich
garantiert nicht. Und hört mir BLOß auf mit Area 51! Was auch immer
die da treiben – warum sollten Aliens sich AUSGERECHNET eine Wüste
in NEVADA/USA aussuchen?!)
„Ja!“,
jetzt wurde Karl euphorisch. „Und es gibt Veteranen, die bis heute
darunter leiden, dass sie von Laserstrahlen angestrahlt wurden,
während des Krieges!“
„… Okay.“
„Also
ICH glaub daran!“, sagte er stolz grinsend und sah wieder in seine
Zeitschrift.
Ich
stieß hörbar Luft aus. Da setzte er wieder an:
„Es gibt auch in der amerikanischen Stadt (Welche er genannt hat, hab ich vergessen…) ganze Akten über solche Aufzeichnungen!“
„Es gibt auch in der amerikanischen Stadt (Welche er genannt hat, hab ich vergessen…) ganze Akten über solche Aufzeichnungen!“
„Ja.
Die kenn ich!“, sagte ich lächelnd. „Die heißen „Akte X“
und da arbeiten zwei Leute namens Mulder und Scully dran…“
Karl
lachte. „Nein, jetzt ehrlich! Da ist alles dokumentiert!“
„Jaja…“
Und
just in diesem Moment kam eine Kundin an unsere Theke. Eine sehr
gesprächige ältere Dame, die, nachdem sie ihr Buch ausgeliehen
hatte, unbedingt von ihrer Leidenschaft (Square Dance), erzählen
musste.
Hier
wurde ich wieder Zeugin von Karls Phänomen: Er hörte kaum zu, las
in seiner Zeitung und ich weiß nicht genau welches Stichwort
gefallen war, aber er schaltete sich plötzlich ins Gespräch ein.
Natürlich vollkommen am Thema vorbei.
Während
die Dame also von ihrem Verein in der Stadt XY erzählte, die ja
leider so weit von ihrer Heimatstadt entfernt liegt; und während sie
bemängelte, dass die Vereine in anderen Städten in der Umgebung
aufgelöst wurden, lenkte Karl mit: „Ja… Es gibt heutzutage immer
weniger Bibliotheken.“ ein.
Die
Frau sah ihn leicht verdutzt an. Öffnete den Mund und schloss ihn
wieder. Sie sah so aus, als wüsste sie nicht recht, ob ihr nun ihre
Ohren einen Streich gespielt hatten, oder Karl geistig verwirrt war.
Fast
unmerklich schüttelte sie den Kopf und fuhr fort: „Es ist
jedenfalls ein trauriger Trend, dass es immer weniger Möglichkeiten
gibt.“
Karl
nickte wissend. „Ja, ist immer eine Frage des Geldes. Den Städten
fehlt Geld.“
„Nicht
nur das!“, sagte die Frau. „Vor allem Personal!“
„Ja,
das sowieso!“, erwiderte Karl.
Und
die beiden führten eine Unterhaltung, vollkommen am Thema des
anderen vorbei.
Ich
stand in der Mitte und musste mich unheimlich stark darauf
konzentrieren, nicht laut loszulachen.
Der
Wahnsinn!
Für
jemanden, der an der Szene vorbei gelaufen wäre, sähe dieses
Gespräch vollkommen normal aus – abgesehen davon, dass ich mir die
Hand auf den Mund pressen musste, weil ich dachte, ich müsse
explodieren vor Lachen.
Nachdem
die Dame sich mit den netten Worten „Sie sollten sich auch mal zum
Square Dance anmelden! Zur Zeit beginnen die Anmeldungen für junge
Leute!“ von mir verabschiedete, schaltete Karl wieder in den
Lese-Modus und ich hatte die Chance, wieder ein wenig durchzuatmen.
Das
sind witzige Momente mir Karl.
In
wichtigen
Situationen kann er aber auch schon mal nerven, mit seinem schlechten
Gehör.
Wenn
man ihm zum Beispiel wichtige Fragen zu einem Sachverhalt stellt, die
er einfach nicht HÖRT oder falsch VERSTEHT, da würde ich gerne
regelmäßig „KAUF DIR EIN VERDAMMTES HÖRGERÄT!“ schreien.
Oder
wenn er Lästereien aufschnappt und das alles SO verdreht, das man
nun nicht mehr weiß, wer wem wann wo und warum irgendwas womit
angetan hat… Hilfe.
Das
ist nämlich auch noch so ein Punkt:
Karl
ist ein Gossip Girl.
Ein
schwerhöriges Gossip Girl.
Eine
Lästerschwester, die nur die Hälfte der Stories mitbekommt und
diese dann auch noch in einen falschen Kontext bringt.
Aber
hey, wisst ihr was?
Sieht
man von den ganzen nervigen Dingen ab, ist er ein sehr angenehmer
Arbeitskollege.
Und
das ist es ja, was zählt.
Ich
freu mich jedenfalls, wenn ich mal wieder den Auskunftsdienst mit ihm
machen darf.
Vielleicht
nehm‘ ich mir dann ne Tüte Popcorn mit…
Bis
dahin
Schockt
die Massen – lest ein Buch!
Eure
Sherry