Freitag, 16. Dezember 2016

Geduld ist eine Tugend

Ich weiß, ich weiß!
Die Zeit rast - alle müssen schnell irgendwas mit irgendwem, irgendwo erledigen.
Keine Zeit für Small-Talk, keine Zeit für's Brunchen, keine Zeit für Nächstenliebe...

Aber hey - ganz ehrlich?
Wer eine zeitlose Einrichtung wie die Bibliothek betritt, der nimmt sich meist genau Zeit dafür! Was gibt es Schöneres als zu stöbern? Zu lesen?
Das ist doch, unter anderem, der Sinn und Zweck einer Bibliothek.
Man trifft sich. Man findet Gleichgesinnte - Bücherwürmer!
Aber - und jetzt muss ich kurz lachen - was fasel ich denn da?!

Auch in der Bibliothek ist die Hektik angekommen.
Leser werden unruhig, wenn sich eine etwas längere Schlange vor den Selbstverbuchern bildet.
Sie werden wütend, wenn ein Buch, das sie vorgemerkt haben, IMMER NOCH NICHT zurück ist.
Und sie rasten vollkommen aus, wenn ihnen die geballte "Inkompetenz" unserer Mitarbeiter entgegen schlägt...
Dazu ein Beispiel, von Neulich:

Meine Kollegin (ich nenne sie... hmm... Ingeborg.) und ich standen zusammen an der Auskunftstheke. Es war Samstag. Es war Halbzeit für uns und langsam spürte man schon das Wochenende...
Trotz anfänglicher Schwierigkeiten in der Schicht (Technik! Oj!), hatten wir trotzdem gute Laune und erfüllten brav alle Aufgaben, vor die wir gestellt wurden.
Nebenbei hatten wir sogar ein wenig Zeit zum Plaudern.
Im Großen und Ganzen also ein angenehmer Tag.

Doch dann schoben sich Wolken vor die Sonne, um es mal bildlich auszudrücken.
Die Gewitterhexe betrat unsere Etage.
Vollkommen verwirrt und aufgescheucht!
"Entschuldigung! Wie kann das denn sein?! Ich habe hier 1€ auf meinem Konto zu zahlen, weil ich angeblich eine Zeitschrift vorgemerkt habe! Aber das habe ich nicht!"
Wir holten die Zeitschrift, die auf ihren Namen zurück gelegt war, aus dem Regal.
"Da muss jemand meinen Namen benutzt haben! Kann sowas sein?! Wie auch immer - ich will die gar nicht. Was soll ich auch mit so einer Zeitschrift?! Sowas les' ich nicht einmal!"

EIGENTLICH (wären wir fies und würden penibel auf die Vorschriften achten) hätten wir auf den Euro bestanden. Bzw. bestehen MÜSSEN.
Ich meine, wie viele Zufälle kann es geben?!
Oft merken Leute etwas vor, weil sie es unbedingt haben wollen - und vergessen es nach einer Zeit. Viele sind beim Abholen dann einfach freudig überrascht - andere, wie die Gewitterhexe, rasten vollkommen hysterisch aus.

Ingeborg und ich hatten einen guten Tag.
"Kein Problem! Kann jedem mal passieren. Wir erlassen Ihnen die Gebühr und buchen die Zeitschrift zurück. Kein Problem!"

Das Gesicht der Gewitterhexe hellte sich etwas auf. "Dann muss ich den Euro nicht zahlen?! Der ist dann jetzt runter von meinem Konto?!"
"Ja, den werden wir jetzt sofort erlassen. Sie müssen ihn nicht zahlen."
Und mit unverständlichem, aber glücklichem, Gebrabbel ging sie davon.

Nun muss man wissen, dass das Erlassen von Gebühren in unserem System nicht mit einem Knopfdruck erledigt ist.
Es gibt einen speziellen Menüpunkt, den man aufruft - dann gibt man den Betrag und den Grund des Erlassens ein und zum Schluss wird ein kleiner Bon gedruckt, auf dem sich die eingegebenen Daten wiederfinden. 
Klar,  das dauert keine halbe Stunde. Aber ein paar Klicks.
Und, nur um es zu verdeutlichen: Gewitterhexe ging. Wir sagten freundlich "Auf Wiedersehen", fragten uns kurz verdutzt, wie so ein Fehler passieren konnte und DANN fing Ingeborg mit den Eingaben an.

Gerade als sie den Bon entgegen nahm, der den Erlass bestätigte, kam die Gewitterhexe wieder panisch zu uns hochgerauscht.
"Der Euro ist ja immer noch drauf! Sie sagten, Sie erlassen ihn! Ich zahl den nicht!"
Gewitterhexe ist also, als sie unsere Theke verlassen hatte, schnurstracks nach unten gehechtet, hat mit ihrer Karte ihr Kundenkonto geöffnet und "panisch" festgestellt, dass die Gebühr noch immer auf ihrem Konto stand. Wohl gemerkt: ca. 20 Sekunden nach ihrem Besuch oben bei uns. Wahrscheinlich weniger, bei ihrer Hysterie.

Ingeborg beruhigte sie. "Keine Panik - ich habe das Geld vor einer Sekunde erlassen. Das geht alles nicht so schnell. Haben Sie etwas Geduld. JETZT ist er auf jeden Fall runter vom Konto."
Da hatte Ingeborg wohl einen wunden Punkt getroffen.
Die Gewitterhexe versteifte sich. "Ich BIN geduldig, aber ich sehe nicht ein, dass ich einen Euro für ein Heft zahlen muss, das ich nicht bestellt habe!"
"Müssen Sie ja nicht.", sagte Ingeborg. "Alles erledigt."
"Na, das will ich aber hoffen!" und damit rauschte sie wieder ab.

"Verrückte Frau.", dachten Ingeborg und ich uns.
Ich meine, klar - ist nicht schön, wenn man eine Gebühr für einen Service zahlen soll, den man nicht in Auftrag gegeben hat...
Aber, meine Damen und Herren, das war 1€.
Und die Dame sah nun WIRKLICH nicht aus wie jemand, der am Hungertuch nagt.
Falls doch, könnte sie ja ihren schicken Goldschmuck eintauschen...

Wir dachten jedenfalls, die Sache sei gegessen.
WEIT GEFEHLT!
Einige Zeit später bekamen wir eine kleine Rüge von den Kollegen am Empfang im Erdgeschoss: es hätte sich eine Dame bei ihnen über unsere Arbeit beschwert. Wir würden nur quatschen und überhaupt nicht arbeiten.

Ingeborg und mir stand der Mund offen.
Diese olle Gewitterhexe!

Hach, das sind mir die liebsten Kunden: man tut ihnen einen Gefallen und dann beschweren die sich noch.
Diese Leute bekommen alle einen extra Platz in der Hölle... 
Ehrlich. 

Diese "Beschwerde" hatte für Ingeborg und mich keine Konsequenzen. Aber es bleibt ein bitterer Nachgeschmack.
Denn nach solchen Aktionen überlegt man sich als Angestellter DREIMAL, ob man einem Kunden einen Gefallen tut. 
Dankbar sind die Wenigsten.
"Kulanz" empfinden sie als Recht.
Und dann wundern wir uns, wenn die Leute immer frecher, immer forscher werden?

Hmpf.
Ich glaube, so langsam höre ich auf, mich zu wundern.
So langsam nehme ich es einfach so hin.
Die Menschheit ist sich selbst der größte Feind.

...blöde Gewitterhexe!

Bis dahin

Schockt die Massen - lest ein Buch!

Eure Sherry