Freitag, 28. Oktober 2016

Beschwerden

Wir Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste (früher: Bibliotheksassistenten) sind dafür da, um zu helfen.
Bei Fragen zu Büchern, oder anderen Medien.
Alles kein Problem!
Wir recherchieren gerne mit euch im Katalog, wenn ihr eine Facharbeit zu einem Thema schreiben müsst.
Wir suchen euch alles zusammen, was ihr über euren Lieblingsmusiker wissen wollt.
Wir grabbeln jedes relevante Buch am Regal mit euch an.
Das ist unser Job!

Was mich jedoch nervt, sind Beschwerden. (Naja, wen nerven die nicht?)
Aber besonders die Beschwerden, die total unverhältnismäßig sind!
Wenn sich Leser bei MIR über einen lange laufenden Wasserhahn beschweren, an dem der Hausmeister schon tausendmal dran war – was soll ICH PERSÖNLICH denn dagegen tun!?
Bin ich Klempner!?
Wenn die Jahresgebühr jemandem zu hoch ist – hab ICH die beschlossen?!
Wenn das Gebäude nicht hell/dunkel/isoliert genug ist – hab ich das KONSTRUIERT?!
Wenn der Jugendschutz des städtischen Internets mal wieder harmlose Seiten lahm legt - …. ihr versteht, worauf ich hinaus will.

Und egal wie oft ich schon sagte: „Tut mir leid. Da bin ich nicht für verantwortlich“, das JUCKT die Leute noch nicht einmal! Ich fühle mich dann so, als würde es jetzt heißen:
Tja, junge Dame, ich bin aber ein frustriertes, einsames Würstchen, das sonst immer irgendwo unter dem Pantoffel steht und JETZT werde ich aber mal ausrasten und SIE PERSÖNLICH für alles, was ich in meinem Leben verbockt habe, verantwortlich machen. Ich werde Sie verbal so ANKACKEN, dass sie die nächsten Tage nicht mehr aufhören werden zu heulen! Und das alles nur, weil ich einen aggressiven Partner/Chef/Hund/Alien zu Hause habe, bei dem ich rein GAR NICHTS zu melden habe!“, um es mal bildlich auszudrücken.

Das geht soweit, ich hatte neulich tatsächlich eine Frau vor mir, die in JEDEM. VERDAMMTEN. WORT. von mir nach einer Provokation gegen sich suchte.
Als ich sie, auf ihr erneutes aufgebrachtes Gebrabbel hin, einfach nur stirnrunzelnd ansah, weil mir letztendlich zu so einer Schrullen auch nichts mehr einfiel, lächelte sie debil, drehte sich kurz zu ihrer Freundin um und sagte dann, wieder an mich gewandt:
Tut mir leid. Ich hab heute nen total miesen Tag. Den muss ich jetzt mal an Ihnen auslassen.“
Mir klappte der Mund auf…

WAS IST LOS MIT EUCH MENSCHEN, DASS IHR ANDERE FÜR EUER VERSAGEN VERANTWORTLICH MACHT?!
Jeder ist seines Glückes Schmied – wenn’s bei DIR gerade scheiße läuft, bin ICH, eine VÖLLIG FREMDE, doch nicht schuld!

Überhaupt: schlechte Laune haben und die an anderen Menschen einfach so ablassen: und danach fühlt ihr euch besser?!
Ouh geil, ich hab die Bäckereifachverkäuferin zum Heulen gebracht, weil sie mir 10 Cent zu wenig an Rückgeld gegeben hat. Ich bin DER KÖNIG DER WELT!“
?!?!?!?!?!?!
Oder besteht die Welt nur noch aus Soziopathen, die ihre Mitmenschen gerne quälen?!
Wieso Friede-Freude-Eierkuchen, wenn man auch Streit-Tränen-Broccoli haben kann?!
(Sorry, Broccoli. Eigentlich liebe ich dich, das weißt du doch hoffentlich?)

Ehrlich, so ein asoziales Verhalten regt mich dermaßen auf!
Wir armen Leute aus dem Dienstleistungsgewerbe sind doch auch nicht allwissend!
Wir sind die ALLERKLEINSTEN Räder in diesem grandios verhunzten System!
Wir sind die LETZTEN in der Weisungskette!
Und müssen mit EUCH Kunden/Lesern/Gästen zurechtkommen.
Uns euren Scheiß anhören.
Eure Wut und Verzweiflung!
Glaubt mir, an den Über-Chef, an den das eigentlich gehen sollte, kommt es nie.
Gegen Beschwerden von ganz unten sind die immun.
Außer, wenn dann ein Mitarbeiter nach dem anderen krank wird… DANN merkt er was.
Merkt ihr ALLE was.

Oder glaubt ihr, die Mitarbeiter in Ämtern wie z.B. dem Sozialamt, haben alle nur Schnupfen? Das sind Krankheiten, die unter anderem durch so einen Scheiß verursacht werden wie die meckernden Kunden.
Oder auch: die gefährlichen, aggressiven Kunden (so einen habe ich, zum Glück, nur einmal live erlebt… War nicht schön.)

Ihr Soziopathen macht soziale Berufe zu den schlimmsten EVER.
Ihr macht die Arbeitnehmer fertig.
Und dann beschwert ihr euch weiter – denn die Dienstleistungen wollen von niemandem mehr erbracht werden!
Merkt ihr was???

An alle, die täglich mit Menschen zu tun haben:
Seid stark. Nehmt euch nach der Arbeit die Freizeit, die ihr verdient. Und sei es nur eine kleine halbe Stunde auf der Couch, mit nem leckeren Tee, ner süßen Praline und nem guten Buch/Film/Spiel. Lasst uns lernen, abzuschalten und die Arschlöcher auf der Arbeit zu lassen.
Privat, bei uns zu Hause, haben die nichts verloren!
Da gibt es nur uns und unsere Lieben.
Und auch, wenn es nicht immer einfach ist: eine halbe Stunde kann jeder irgendwie und irgendwo einrichten, um ganz bei und mit sich selbst zu sein!
Macht das!
Das hilft!

Ein tief gerauntes „Ommmmmmm“ an euch!

Bis demnächst

Schockt die Massen – lest ein Buch


Eure Sherry