Wie
ihr hier schon mal gelesen habt, „verirren“ sich hin und wieder
Praktikanten in unsere Bibliothek.
Viele
sind interessiert und einige so gar nicht.
Neuerdings
haben wir verstärkt auch junge Leute hier, die nicht nur kein
Interesse an unserer Arbeit und der Bibliothek an sich besitzen,
sondern auch noch negativ durch ihr Verhalten auffallen.
Neulich
hatten wir einen Praktikanten (ich nenne ihn mal „Jürgen“), der
ganze drei Wochen bei uns bleiben und in dieser Zeit jeweils eine
ganze Etage pro Woche erkunden sollte.
Schon
als sein Praktikum begann, hörte man die ersten Kollegen flüstern.
Und
von dem, was man so hörte, war Jürgen alles andere als das nette
Kind von Nebenan.
Verhaltensauffällig,
frech, neunmalklug… waren nur drei Adjektive, die sein
„interessantes“ Gemüt beschrieben.
Zudem
war er auch noch unmotiviert und faul – beste Bedingungen also, um
ein Praktikum in einer Bibliothek zu machen… … … NICHT.
Jürgen
quälte sich also jeden Morgen in unsere Einrichtung und meine
Kollegen quälten sich mit ihm ab. Er schaffte es sogar, die
freundlichsten und entspanntesten von uns auf die Palme zu bringen –
und das will schon was heißen!
Irgendwann
kam die Zeit und ich lernte ihn kennen.
Sonst
hatte ich ihn ja nur im Vorbeigehen mal gesehen, oder Geschichten
über ihn gehört.
Aber
an diesem einen Nachmittag sollte ich nun in den Genuss seiner
Anwesenheit gelangen.
(so in etwa sah Jürgen aus! Meine künstlerischen Fähigkeiten halten sich in Grenzen... Vor allem mit Paint! ;D)
Meine
Kollegin und ich stellten uns also an die Theke und waren bereit für
unseren Auskunftsdienst. Da torkelte Jürgen, der ein bisschen wie
ein spastischer Harry Potter aussieht (…das klingt irgendwie
gemeiner als beabsichtigt…), schon zu uns hin.
Er
stellte sich die in die hinterste Ecke der Theke und fing an,
Büroklammern aneinander zu stecken, um eine Kette daraus zu basteln.
Er
stellte sich nicht namentlich vor (Berühmtheiten haben so etwas ja
nicht nötig), sondern starrte uns nur mit gesenktem Kopf an, während
seine Finger unablässig an den Büroklammern fuchtelten.
Normalerweise
wirken Praktikanten aufgeschlossen oder sind wenigstens höflich
genug, sich vorzustellen.
Aber
nicht Jürgen. Der war creepy.
Je
länger wir mit ihm herum standen, desto aufgeweckter wurde er.
Entwickelte
Marketingstrategien um seine Büroklammerkette zu verkaufen und
dachte gar weiter, eine ganze Schmuckkollektion heraus zu bringen…
Mir
fehlten die Worte. Ich starrte ihn ungläubig an, während meine
Kollegin ihn darum bat, die Büroklammern wieder auseinander zu
friemeln, da wir diese ja noch bräuchten.
Da
war Jürgen etwas knatschig (ich meine, eine Kette aus Büroklammern…
das ist DIE Marktlücke!), er gehorchte jedoch (noch!).
Je
mehr Zeit verging, desto mehr bekamen wir von seinem verrückten
Wesen zu sehen – er empfand jeglichen Vorschlag zur Beschäftigung,
den wir ihm machten, als langweilig oder „blöd“ und hatte einen
Heidenspaß dabei, meine Kollegin ständig von ihrem Arbeitsplatz zu
drängen, um am PC zu sitzen.
„Was
machst du denn, wenn jemand nach Büchern zu einem bestimmten Thema
fragt?“, fragte ich eisig, als ich mir dieses bekloppte Benehmen
von ihm nicht mehr ansehen wollte.
„Uhmmm….“,
fing Jürgen intellektuell hochbegabt an. „Dann würde ich einfach
sagen, die sollen zu den Regalen gehen und suchen.“
„Nein.“,
erwiderte ich. „Das ist DEIN Job denen zu helfen, wenn sie Fragen
haben. Dazu musst du recherchieren.“
Er
zeigte sich interessiert, für die nächsten 60 Sekunden, und
entwickelte eine Freude daran, nach verschiedenen Begriffen zu
suchen.
Irgendwann
stand ich alleine mit ihm an der Theke, weil meine Kollegin eine
Bücherlieferung angenommen und ins entsprechende Büro gebracht
hatte.
Jürgen
spielte mit der Ablage der Tastatur herum und entdecke ein Fläche,
die man ausschieben konnte. Auf diesem kleinen Stück Plastik, das er
heraus geschoben hatte, versuchte er nun die Maus und das Mousepad zu
platzieren, die ihren Platz sonst oben auf der Theke hatten.
„Jürgen,
mach das nicht. Nachher fällt dir die Maus herunter oder du schaffst
es auf irgendeine andere Weise sie kaputt zu machen.“
„Doch.
Ich mach aber weiter“, sagte er trotzig.
Das
war der erste Moment, in dem mir so richtig die Kinnlade herunter
klappte.
„Leg
die Maus jetzt bitte wieder nach oben.“, sagte ich zwischen
zusammengebissenen Zähnen.
„Nö.
Tut mir leid, aber da muss ich den Gehorsam leider verweigern.“
Ich
schäumte innerlich vor Wut. So ein kleines, freches Aß!
Aber
ich zwang mich, durchzuatmen. Immerhin waren Leser anwesend – und
wäre ich jetzt ausgerastet, wäre das vermutlich keine so gute Idee
gewesen.
Eiskalt
sagte ich nur noch: „Jürgen. Das war keine Bitte. Das war ein
Befehl. Jetzt leg die Maus da wieder hin!“ und ich drehte mich weg,
um in Ruhe bis 10 zu zählen.
Aus
dem Augenwinkel sah ich, dass er gehorchte. Zögernd, aber er tat es.
Boah,
war ich sauer!
Aber
leider war dies nicht mein letztes Treffen mit ihm gewesen.
Es
kam der Tag, da mussten ich und mein Arbeitskollege uns einen ganzen
Tag lang um ihn kümmern…
Herrlich
waren diese Momente:
- mein Arbeitskollege erklärt was am PC, Jürgen ist fasziniert vom Tacker und hört nicht zu.
- mein Arbeitskollege möchte, dass der Junge mitkommt und einiges an Vorbereitungen und Arbeitsvorgängen sieht, Jürgen möchte nicht und muss so ziemlich dreimal GEBETEN werden, endlich mitzukommen.
- mein Arbeitskollege versucht dem Jungen Arbeitsschritte zu erklären, Jürgen stempelt, was er unter die Finger bekommt und lässt nicht mit sich reden…
Und
dann wurde Jürgen SO RICHTIG frech. Sagte laut, dass ihn das alles
hier langweilt und dass es nichts zu tun gibt und fragte mich und
meinen Kollegen tatsächlich, ob wir ihn nicht in einem Bücherwagen
durch die Bibliothek fahren könnten.
Ich
sah ihn böse lächelnd an. „Oooh, bist du ein kleines Baby, das
man im Wagen durch die Gegend fahren muss?“, fragte ich zuckersüß.
Er
sah mich kurz an und antwortet dann düster „Nein.“ – und siehe
da, das Thema war vom Tisch!
Er
versuchte dann, mich zurück zu dissen, indem er mir vorwarf, meine
unechten Pflanzen aus Kunststoff, die ich auf meinem Schreibtisch
stehen habe, seien „schädlich für die Umwelt.“…
Ich
sagte nichts dazu. Ich wusste irgendwie auch nicht, was.
Und
egal, was ich ihm logisch erklärt hätte… Er hätte es eh nicht
begriffen.
Kurz
darauf verließ ich für einen Moment das Büro. Ich war genau 10
Minuten weg.
Als
ich zurück kam, war der Boden bedeckt mit „Konfetti“ (den
Resten, die in einem Locher zu finden sind), mein Arbeitskollege
wirkte hilflos und Jürgen wollte noch mehr verstreuen, bis ich ein
lautes „HÖRST DU JETZT MAL AUF UND RÄUMST DAS HIER WEG?!“, von
mir gab.
Jürgens
Antwort: „ICH räum das sicher nicht weg. Dafür gibt es
Reinigungskräfte.“
„DIE
HABEN DAS CHAOS ABER NICHT VERANSTALTET! DAVON ABGESEHEN WURDE HIER
HEUTE MORGEN GESAUGT! DU RÄUMST DAS JETZT WEG!“
Ich
hatte echt keine Lust mehr auf den Scheiß…
Unter
Protest kniete er sich auf den Boden und fing an, die Schnipsel
aufzusammeln.
Mein
Arbeitskollege erbarmte sich irgendwann und holte einen Staubsauger
aus dem Keller… Also, wäre es nach mir gegangen, hätte ich Jürgen
alles mit der Hand aufsammeln lassen. Jetzt hatte er ja wenigstens
was zu tun!
Ich
vergaß übrigens fast zu erwähnen, warum überall Konfetti lag:
Jürgen
wollte mir einen „freudigen“ Empfang bereiten und mich bewerfen,
sobald ich das Büro wieder beträte. „Das ist keine gute Idee“,
sagte mein Arbeitskollege leise… Aber das war Jürgen egal.
Ich
war echt fertig mit den Nerven.
Etwas
später hatte ich auch noch das Vergnügen, ihn SCHON WIEDER in der
Ausleihe zu betreuen. Er fummelte erneut mit den Gummis und
Büroklammern herum, bis ich ihn irgendwann ermahnte, er solle es
lassen.
Auf
sein plumpes „Nein“ sagte ich laut: „JÜRGEN, ICH DISKUTIERE
NICHT MIT DIR! DU MACHST DAS JETZT WEG!“ und siehe da – er räumte
auf!
Überhaupt
versuchte er mir dann aus dem Weg zu gehen… Ich glaube, hätte ich
noch mehr Zeit mit ihm verbringen müssen, hätte ich ihn kopfüber
aus dem 3ten Stock aus dem Fenster gehängt… Aber vermutlich fände
er selbst das „super“.
Irgendwann
war der Knabe dann endlich weg und ich verabschiedete mich in mein
wohlverdientes Wochenende.
Ich
war echt k.o.
Jetzt
habt ihr mal gesehen wie nervig und scheiße Praktikanten sein
können.
Toll,
ne?
Der
Junge war übrigens 14.
Just
saying.
Und
bis dahin:
schockt
die Massen – Lest ein Buch
Eure
Sherry
