Donnerstag, 12. Januar 2017

Praktikanten (2)

Wie ihr hier schon mal gelesen habt, „verirren“ sich hin und wieder Praktikanten in unsere Bibliothek.
Viele sind interessiert und einige so gar nicht.
Neuerdings haben wir verstärkt auch junge Leute hier, die nicht nur kein Interesse an unserer Arbeit und der Bibliothek an sich besitzen, sondern auch noch negativ durch ihr Verhalten auffallen.

Neulich hatten wir einen Praktikanten (ich nenne ihn mal „Jürgen“), der ganze drei Wochen bei uns bleiben und in dieser Zeit jeweils eine ganze Etage pro Woche erkunden sollte.
Schon als sein Praktikum begann, hörte man die ersten Kollegen flüstern.
Und von dem, was man so hörte, war Jürgen alles andere als das nette Kind von Nebenan.

Verhaltensauffällig, frech, neunmalklug… waren nur drei Adjektive, die sein „interessantes“ Gemüt beschrieben.
Zudem war er auch noch unmotiviert und faul – beste Bedingungen also, um ein Praktikum in einer Bibliothek zu machen… … … NICHT.

Jürgen quälte sich also jeden Morgen in unsere Einrichtung und meine Kollegen quälten sich mit ihm ab. Er schaffte es sogar, die freundlichsten und entspanntesten von uns auf die Palme zu bringen – und das will schon was heißen!

Irgendwann kam die Zeit und ich lernte ihn kennen.
Sonst hatte ich ihn ja nur im Vorbeigehen mal gesehen, oder Geschichten über ihn gehört.
Aber an diesem einen Nachmittag sollte ich nun in den Genuss seiner Anwesenheit gelangen.

(so in etwa sah Jürgen aus! Meine künstlerischen Fähigkeiten halten sich in Grenzen... Vor allem mit Paint! ;D) 


Meine Kollegin und ich stellten uns also an die Theke und waren bereit für unseren Auskunftsdienst. Da torkelte Jürgen, der ein bisschen wie ein spastischer Harry Potter aussieht (…das klingt irgendwie gemeiner als beabsichtigt…), schon zu uns hin.
Er stellte sich die in die hinterste Ecke der Theke und fing an, Büroklammern aneinander zu stecken, um eine Kette daraus zu basteln.
Er stellte sich nicht namentlich vor (Berühmtheiten haben so etwas ja nicht nötig), sondern starrte uns nur mit gesenktem Kopf an, während seine Finger unablässig an den Büroklammern fuchtelten.

Normalerweise wirken Praktikanten aufgeschlossen oder sind wenigstens höflich genug, sich vorzustellen.
Aber nicht Jürgen. Der war creepy.

Je länger wir mit ihm herum standen, desto aufgeweckter wurde er.
Entwickelte Marketingstrategien um seine Büroklammerkette zu verkaufen und dachte gar weiter, eine ganze Schmuckkollektion heraus zu bringen…
Mir fehlten die Worte. Ich starrte ihn ungläubig an, während meine Kollegin ihn darum bat, die Büroklammern wieder auseinander zu friemeln, da wir diese ja noch bräuchten.
Da war Jürgen etwas knatschig (ich meine, eine Kette aus Büroklammern… das ist DIE Marktlücke!), er gehorchte jedoch (noch!).
Je mehr Zeit verging, desto mehr bekamen wir von seinem verrückten Wesen zu sehen – er empfand jeglichen Vorschlag zur Beschäftigung, den wir ihm machten, als langweilig oder „blöd“ und hatte einen Heidenspaß dabei, meine Kollegin ständig von ihrem Arbeitsplatz zu drängen, um am PC zu sitzen.

Was machst du denn, wenn jemand nach Büchern zu einem bestimmten Thema fragt?“, fragte ich eisig, als ich mir dieses bekloppte Benehmen von ihm nicht mehr ansehen wollte.
Uhmmm….“, fing Jürgen intellektuell hochbegabt an. „Dann würde ich einfach sagen, die sollen zu den Regalen gehen und suchen.“
Nein.“, erwiderte ich. „Das ist DEIN Job denen zu helfen, wenn sie Fragen haben. Dazu musst du recherchieren.“
Er zeigte sich interessiert, für die nächsten 60 Sekunden, und entwickelte eine Freude daran, nach verschiedenen Begriffen zu suchen.
Irgendwann stand ich alleine mit ihm an der Theke, weil meine Kollegin eine Bücherlieferung angenommen und ins entsprechende Büro gebracht hatte.
Jürgen spielte mit der Ablage der Tastatur herum und entdecke ein Fläche, die man ausschieben konnte. Auf diesem kleinen Stück Plastik, das er heraus geschoben hatte, versuchte er nun die Maus und das Mousepad zu platzieren, die ihren Platz sonst oben auf der Theke hatten.
Jürgen, mach das nicht. Nachher fällt dir die Maus herunter oder du schaffst es auf irgendeine andere Weise sie kaputt zu machen.“
Doch. Ich mach aber weiter“, sagte er trotzig.
Das war der erste Moment, in dem mir so richtig die Kinnlade herunter klappte.
Leg die Maus jetzt bitte wieder nach oben.“, sagte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen.
Nö. Tut mir leid, aber da muss ich den Gehorsam leider verweigern.“
Ich schäumte innerlich vor Wut. So ein kleines, freches Aß!
Aber ich zwang mich, durchzuatmen. Immerhin waren Leser anwesend – und wäre ich jetzt ausgerastet, wäre das vermutlich keine so gute Idee gewesen.
Eiskalt sagte ich nur noch: „Jürgen. Das war keine Bitte. Das war ein Befehl. Jetzt leg die Maus da wieder hin!“ und ich drehte mich weg, um in Ruhe bis 10 zu zählen.
Aus dem Augenwinkel sah ich, dass er gehorchte. Zögernd, aber er tat es.

Boah, war ich sauer!
Aber leider war dies nicht mein letztes Treffen mit ihm gewesen.
Es kam der Tag, da mussten ich und mein Arbeitskollege uns einen ganzen Tag lang um ihn kümmern…

Herrlich waren diese Momente:
  • mein Arbeitskollege erklärt was am PC, Jürgen ist fasziniert vom Tacker und hört nicht zu.
  • mein Arbeitskollege möchte, dass der Junge mitkommt und einiges an Vorbereitungen und Arbeitsvorgängen sieht, Jürgen möchte nicht und muss so ziemlich dreimal GEBETEN werden, endlich mitzukommen.
  • mein Arbeitskollege versucht dem Jungen Arbeitsschritte zu erklären, Jürgen stempelt, was er unter die Finger bekommt und lässt nicht mit sich reden…

Und dann wurde Jürgen SO RICHTIG frech. Sagte laut, dass ihn das alles hier langweilt und dass es nichts zu tun gibt und fragte mich und meinen Kollegen tatsächlich, ob wir ihn nicht in einem Bücherwagen durch die Bibliothek fahren könnten.
Ich sah ihn böse lächelnd an. „Oooh, bist du ein kleines Baby, das man im Wagen durch die Gegend fahren muss?“, fragte ich zuckersüß.
Er sah mich kurz an und antwortet dann düster „Nein.“ – und siehe da, das Thema war vom Tisch!
Er versuchte dann, mich zurück zu dissen, indem er mir vorwarf, meine unechten Pflanzen aus Kunststoff, die ich auf meinem Schreibtisch stehen habe, seien „schädlich für die Umwelt.“…
Ich sagte nichts dazu. Ich wusste irgendwie auch nicht, was.
Und egal, was ich ihm logisch erklärt hätte… Er hätte es eh nicht begriffen.

Kurz darauf verließ ich für einen Moment das Büro. Ich war genau 10 Minuten weg.
Als ich zurück kam, war der Boden bedeckt mit „Konfetti“ (den Resten, die in einem Locher zu finden sind), mein Arbeitskollege wirkte hilflos und Jürgen wollte noch mehr verstreuen, bis ich ein lautes „HÖRST DU JETZT MAL AUF UND RÄUMST DAS HIER WEG?!“, von mir gab.
Jürgens Antwort: „ICH räum das sicher nicht weg. Dafür gibt es Reinigungskräfte.“
DIE HABEN DAS CHAOS ABER NICHT VERANSTALTET! DAVON ABGESEHEN WURDE HIER HEUTE MORGEN GESAUGT! DU RÄUMST DAS JETZT WEG!“
Ich hatte echt keine Lust mehr auf den Scheiß…
Unter Protest kniete er sich auf den Boden und fing an, die Schnipsel aufzusammeln.
Mein Arbeitskollege erbarmte sich irgendwann und holte einen Staubsauger aus dem Keller… Also, wäre es nach mir gegangen, hätte ich Jürgen alles mit der Hand aufsammeln lassen. Jetzt hatte er ja wenigstens was zu tun!
Ich vergaß übrigens fast zu erwähnen, warum überall Konfetti lag:
Jürgen wollte mir einen „freudigen“ Empfang bereiten und mich bewerfen, sobald ich das Büro wieder beträte. „Das ist keine gute Idee“, sagte mein Arbeitskollege leise… Aber das war Jürgen egal.

Ich war echt fertig mit den Nerven.
Etwas später hatte ich auch noch das Vergnügen, ihn SCHON WIEDER in der Ausleihe zu betreuen. Er fummelte erneut mit den Gummis und Büroklammern herum, bis ich ihn irgendwann ermahnte, er solle es lassen.
Auf sein plumpes „Nein“ sagte ich laut: „JÜRGEN, ICH DISKUTIERE NICHT MIT DIR! DU MACHST DAS JETZT WEG!“ und siehe da – er räumte auf!
Überhaupt versuchte er mir dann aus dem Weg zu gehen… Ich glaube, hätte ich noch mehr Zeit mit ihm verbringen müssen, hätte ich ihn kopfüber aus dem 3ten Stock aus dem Fenster gehängt… Aber vermutlich fände er selbst das „super“.

Irgendwann war der Knabe dann endlich weg und ich verabschiedete mich in mein wohlverdientes Wochenende.
Ich war echt k.o.

Jetzt habt ihr mal gesehen wie nervig und scheiße Praktikanten sein können.
Toll, ne?
Der Junge war übrigens 14.
Just saying.

Und bis dahin:

schockt die Massen – Lest ein Buch


Eure Sherry