Donnerstag, 9. März 2017

Diese Jugend, immer!

Diese Jugend, immer!

Was mir an meinem Blog mal so aufgefallen ist, ist Folgendes:
wenn ich mich schon beschwere, dann nur seeeeehr, sehr selten über Kinder bzw. Jugendliche. Mich nerven tatsächlich all die Erwachsenen und Senioren, die frustrierte kleine Würste sind und ihre negative Stimmung an mir und meinen Kollegen auslassen.
Da halte ich mich auch immer sehr zurück, wenn die Ü50 Generation anfängt, sich über Jugendliche zu beschweren…
Dazu eine kleine Geschichte von, ihr habt es erraten, „Neulich“:

Ich stand mit meiner Kollegin an der Theke, wir hatten gerade eine kleine Verschnaufpause, da ansonsten reger Betrieb herrschte.
Plötzlich kam eine Kundin zu uns mit den Worten: „Also, ich muss mich jetzt wirklich mal beschweren“…
Da diese Frau aus dem EG kam und ich sie auch sonst noch nie gesehen hatte, war ich gespannt – wir konnten an nichts schuld sein, was sie gerade nervte.
Also das kann ja wohl nicht sein, dass diese Jugendlichen da unten so laut sind! Die spielen da an den Handys oder spielen mit Karten, die laden ihre blöden Telefone an den Steckdosen auf und klauen den Strom – nicht EINER von denen hat ein Buch in der Hand! Das ist hier doch kein Jugendzentrum! Ich kann mich beim Aussuchen meiner Bücher gar nicht mehr konzentrieren! Und überhaupt, KEINER verweilt mehr gerne in der Bibliothek! Ich kenn mindestens 5 Leute, die gesagt haben, sie kommen nicht mehr! Und wenn, dann geben sie nur schnell die Bücher ab und holen sich neue und verschwinden ganz fix!
Das spricht sich langsam herum, merken sie das? Es kommt fast keiner mehr! Das ist hier doch kein Jugendzentrum!“
Vorsichtig sah ich mich, während sie diesen wunderbaren Monolog mit sich führte, in unserer Etage um. An all den Plätzen in unserem „Lesesaal“ saßen ältere Herrschaften, die in Ruhe Zeitungen und Bücher lasen. Im Schülercenter lernten Schüler und Studenten schweigend. Auch sonst war es in unserer Etage, bis auf die Nörglerin, ziemlich ruhig.

Plötzlich klinkte sich ein Leser, ein junger Mann, unkonventionell gekleidet, der gerade aus dem EG hochgekommen war, in das Gespräch ein.
Ich hab den Jungs jetzt gesagt, sie sollen bitte leise sein. Die haben beteuert, zur Not lernen sie auch Gebärdensprache.“
Die Frau schaute verdattert. Ich hätte fast losgeprustet.
Aber so schnell, wie sie aus der Bahn geworfen wurde, fand sie auch wieder in ihre Spur zurück. Es ging wieder los mit Jugendzentrum, Lautstärke, ihrer Clique aus „Wir kommen nicht mehr, weil Jugend zu laut“-Leuten und damit, dass sie aus Köln kommt und da ja alles besser wäre.
Und dass sie ja eigentlich jede Woche mindestens 2-3 Mal hier ist und das IMMER so schrecklich hier ist und dass sie sich auch unten schon beschwert hat und bla.
Sie lieferte sich mit dem jungen Mann tatsächlich eine interessante Diskussion, während meine Kollegin und ich nur zuschauten wie bei nem spannenden Krimi.

Wie sollten wir der Frau und ihren 5 gestörten (also weil gestört durch Lärm!) Freunden auch helfen? Wir freuen uns über jeden Jugendlichen in der Bibliothek.
Immerhin ist das die Zukunft. In gut 30 Jahren müssen wir darauf hoffen, dass die immer noch gerne herkommen. Wohingegen die 6 aufmuckenden Leute in 30 Jahren… naja, hoffen wir, dass sie noch so weit fit sind, dass sie selbständig laufen und essen können.

Klar, man könnte jetzt sagen: „Irgendwo hat die Dame aber Recht – laut und störend sollten die jungen Leute nicht sein!“ – sehr richtig. Waren se auch nicht.
Bzw. okay, eine Gruppe war es wohl schon, die wurde aber schnell hinausgeworfen.
Die anderen, die Karten spielten oder an ihren Handys und diese aufluden… Die haben nicht einen Mucks gemacht.
Die nörgelnde Frau gehört wohl zu diesen „Master Race“-Leuten… Also zu Leuten, die ein bestimmtes Hobby haben und sich dadurch elitär fühlen. So, wie es die kleinen Machtkämpfe zwischen Konsolen- und PC-Spielern gibt, so gibt es sie in fast jedem anderen Bereich. Hier: Die Leser und Nicht-Leser.
Wenn diese Dame gerne Bücher liest und Zeit dazu hat: Bitte sehr. Have fun!
Wenn es aber Leute gibt, die das nicht gerne tun, sich aber dennoch gerne in einer Bibliothek aufhalten (in der man noch sehr viel mehr machen kann, als nur zu lesen), dann hat die Nörglerin das zu akzeptieren.

Es war einfach sehr interessant zu beobachten wie sie von den paar Jugendlichen hier, direkt auf die ganzen Innenstädte in NRW schloss. Denn sie kommt ja aus Köln.
Heißt wohl so viel wie: wer einmal in Köln war, der hat das Grauen gesehen… Oder so?
Es gibt keine Jugendzentren – ergo die Jugend macht die Innenstadt unsicher – ergo ist es überall laut und chaotisch – ergo wurden selbst die Bibliotheken schon von dieser Epidemie namens „Jugend“ heimgesucht!
Nicht zu fassen!
Wie kann die Jugend es WAGEN in den Innenstädten und öffentlichen Einrichtungen zu sein?! Gott bewahre! …

Ich machte der Dame einen wirklich sehr nett gemeinten Ratschlag. Ich fragte sie zunächst: „Also verstehe ich Sie richtig? Sie stören sich daran, dass es zu laut ist?“
Ja!“, sagte sie, puterrot im Gesicht.
Ich zeigte auf einen „Kaugummiautomaten“ hinter ihr, in dem sich Ohrenstöpsel befinden.
Wie wäre es damit? Das nutzen so manche, die…“
ICH WERDE DOCH BEIM AUSSUCHEN DER BÜCHER AM REGAL KEINE OHRENSTÖPSEL TRAGEN! SOWEIT KOMMTS NOCH!“
Und mit diesen Worten rauschte sie wütend ab und lies mich, immer noch im Hilfsbereit-Modus zurück… Tja nun.

Wie oben bereits erwähnt: ich freue mich, dass ich mich (noch?) nur über die älteren, engstirnigen oder frustrierten Leute aufregen muss.
Jugend braucht Platz. Und eine Gesellschaft, die nichts mit ihrer Jugend zu tun haben will, braucht sich nicht wundern, wenn sie ihr fremd wird…

An alle jungen Leute: um Himmels Willen, werden nicht wie all die Alten heutzutage! Bleibt offen und gelassen!

Bewusst und reflektierend miteinander leben und wachsen, die Kinder einfühlend begleiten,
Entfaltung ermöglichen, auch mal etwas fordern und begrenzen, mehr aber bestärken
und ermutigen, vor allem aber grundsätzlich akzeptieren, möglichst lieben,
das ist die beste Erziehung - oder besser, Be-ziehung.“
- humanistisch


So. Macht euch das nachdenklich? Ich hoffe!

Und in diesem Sinne

Schockt die Massen – lest ein Buch
(oder, macht verdammt noch mal, was immer euch glücklich macht!)


Eure Sherry