Freitag, 1. Juli 2016

Der Motten-Mann

Es gibt alte Männer, die viel reden.
Es gibt alte Männer, die unlustig sind.
Es gibt alte Männer, die verrückt/wahnsinnig sind.
Es gibt alte Männer, die stinken.
Es gibt alte Männer, die schmierig sind.
Und der Motten-Mann bei uns, vereint all diese Aussagen zu einem Menschen.
(Der Einfachheit halber werde ich ihn „Motti“ nennen.)
Doch wie kommt Motti überhaupt zu seinem Namen?
Das liegt daran, dass Motti einen unangenehmen Geruch an sich trägt. Für mich riecht er nach ungelüfteter Rentner-Wohnung, gepaart mit Mottenkugeln. Dass er täglich dasselbe trägt, macht die Sache nicht gerade besser…

Motti war anfangs nur jemand, der nervte, weil er Leute mit Verschwörungstheorien volltextete. Dann begann er, mir und Kollegen jegliche Schriftstücke über die neusten Geschehnisse der Wirtschaft vorzulegen, uns erwartungsvoll anzugucken und sich leicht aufzuregen, wenn für uns nicht offensichtlich wurde, was sein Hirn sofort begriffen hatte (ich weiß bis heute nicht, was er von uns wollte…).
Mit seiner Alter-Mann-Lache, die klingt, als sei sein Lachgetriebe verreckt, bot er wirklich eine seltsame Erscheinung.
Aber nun gut, er war nervig, aber nicht ZU unangenehm. Und wenn man nicht viel sagte, ging er auch bald wieder.
Bis ich eines Tages wohl ZU freundlich war…
Keine Ahnung, ob mein Lächeln oder mein Vorbau an diesem Tag zu groß waren, plötzlich verschwand er nicht so schnell wie sonst immer.

Warn Se schon im Einkaufscenter in XY? Da gibt’s so `nen guten Laden…“, fragte er, in seinem schmierigen Tonfall (der mich jetzt, wo ich darüber nachdenken, an die deutsche Synchronstimme von Randy aus der Monster AG erinnert…).
Ne, da bin ich nie. Ich komm ja nicht von dort.“, sagte ich schlichtweg und wollte das Thema damit beenden. Aber Motti witterte seine Chance.
So? Woher kommen Se denn?“ und dann grinste er debil.
Aus XZ...“, sagte ich noch und wurde mir meines Fehlers schlagartig bewusst.
Ahaaa, aus XZ, da wohn ich nicht weit weg! Welcher Stadtteil denn?“
XL“, jetzt log ich. Langsam wurde mir die Situation unangenehm.
Ausgerechnet in diesem Moment war mein Kollege nirgends zu finden und ich stand ganz allein mit dem stinkenden und beinahe schon sabbernden Motti an der Theke.
Ah ja, XL… Ne, da war ich noch nicht… Wie lange arbeiten Se denn heute?“, seine Augen funkelten dunkel.
Lange.“, sagte ich knapp angebunden.
Lange? So, so… Wie wär’s denn mal mit nem Kaffee? Ich lad Se ein. Dann können wa `n bisschen quatschen.“
Nein, danke.“
Nicht? Ach kommen Se. Nur ein Kaffee.“
Nein.“
Daraufhin ließ er sein heiseres, leicht ungläubiges Lachen hören, verabschiedete sich und ging.

Seit diesem Tag, schenke ich diesem Kerl nur die nötigsten Blicke und lächeln will ich in seiner Gegenwart nie.

Bald kam die Osterzeit. Da Motti ein regulärer Gast bei uns ist, war er natürlich vor jedem großen Feiertag zugegen.
Kurz vor den Osterfeiertagen kam er zu mir an die Theke (aber erst in dem Moment, in dem ich mal wieder kurz alleine war, weil mein Kollege Rückläufe einstellte) und drückte mir eine Packung industriell hergestellter Butterkekse in die Hand.
Hier, für die Feiertage!“ und mit seiner bekannten Lache verabschiedete er sich.
Ich nahm die Packung baff entgegen und legte sie hinter mich auf eine Ablage.
Mein Kollege kam zurück und ich beschloss, ihm von den Keksen zu erzählen.
ICH esse die sicher nicht“, sagte mein Kollege. „Von so nem schmierigen… Kann der selber essen.“
Also, ich esse die mit Sicherheit auch nicht… Dann lassen wir die liegen?“, fragte ich.
Und das taten wir.

Ich weiß nicht, was mit den Keksen geschah… Aber falls Motti sich irgendwie Pluspunkte sammeln wollte… Nein, danke.
Denkt der, ne Packung Kekse weckt plötzlich meine innere Begierde für ihn und lässt meine Libido verrücktspielen!?
Alte Männer, ey.

Das ist jedenfalls die kleine Geschichte, wie ich Motti besser kennen lernte. Er ist übrigens nicht mehr ganz so häufig bei uns. Und redet auch nicht mehr mit mir als nötig.
Vielleicht ist die Nachricht endlich bei ihm angekommen…

Nun gut, bis zum nächsten Mal!

Schockt die Massen – lest ein Buch!


Eure Sherry